Tanz die Dateikiste

Salma Said und Miriam Coretta Schulte öffnen in „behind your eyeballs“ die Archive

Von Alicia Heyden

„Bing“ ertönt es immer, wenn die beiden nassgesprühten Performerinnen einander berühren. „Do you remember your first panic attack?“ Salma Said berührt Miriam Coretta Schulte sanft mit ihrer Hand. Bing. „Do you remember when your first heard of Corona?“ Jetzt stupst sie sie ihre Beine an. Bing. „Do you remember when you decided to become an anarchist?“ Bing. Bing. Bing. Sie umarmen sich. „It was with lentil soup and beer.“


Bei Salma Said und Miriam Coretta Schulte dreht sich alles um Archive. In „behind your eyeballs“, einem von vier Nachwuchsprojekten der PAF-Reihe „Introducing...“, stellen sie sich der Frage, wie diese lebendig werden können. Wie kann Mensch seine Erinnerung für die Zukunft konservieren? Wie in einem TED-Talk, das Nackenbügelmikrofon an der Wange, moderieren Said und Schulte an diesem Abend durch ihre Archivarbeit. Dabei verfolgen die beiden verschiedene Ansätze: Salma Said arbeitet mit Bild- und Videoarchiven, in diesem Fall dem 2018 veröffentlichten „858 – an archive of resistance“ zur Ägyptischen Revolution in 2011, Miriam Coretta Schulte hingegen mit dem menschlichen Körper als Archiv. Wenn beide aufeinandertreffen, soll etwas Unvergessliches entstehen.

Aus dem Off fordern die beiden das Publikum dazu auf, die Augen zu schließen, sich des eigenen Körpers bewusstzuwerden und den Tag Revue passieren zu lassen. Blinzelnd kann ich feststellen, dass ein großer Teil des Publikums dem nicht folgt. Immer wieder aber werden wir während des Abends dazu aufgefordert, die eigenen Augen, Augenhöhlen und alles dahinter zu erkunden. Kollektive, futuristische Meditation muss man eben mögen.

Salma Said stellt das „858 – an archive of resistance“ vor, das im Internet frei zugänglich ist. Videoausschnitte aus einem Frauenprotest in Ägypten sind mal auf einer Leinwand links, dann auf einem lichtdurchlässigen Vorhang rechts zu sehen. Es sind berührende Szenen eines Protestes, bei dem Said selbst anwesend war. Wie mit einer Lupe fokussieren die beiden auf Details und sagen, an welche Momente dieses Videos sie sich in Zukunft erinnern wollen. Die Menschen, die Zeitschriften hochhalten, die Männer am Straßenrand oder das kurze Lächeln, mit dem eine Demonstrantin in die Kamera blickt.

Diese erinnerungswürdigen Protest-Momente übersetzt Schulte in Bewegungen. Dafür nutzt sie die „Hack-No-Tech“-Methode: Wenn der Bergiff „holding up“ fällt, führt sie kraftvoll das Knie zur Brust. Beim Wort „newspaper“ überkreuzt sie die Arme. „Give me a beat!“, bittet Schulte das Technikteam. So entsteht aus den eben gesehenen Videosequenzen ein Tanz, den die beiden teils synchron performen. Rotes Licht, elektronische Musik und Schultes Ausdruckstanz verschmelzen zu einer Performance, die erstmals die gesamte Bühne des Ballhaus Ost einnimmt. Die Kraft, die das hat, lässt jedoch schnell nach, als Schulte und Said anfangen wie elektrisiert rumzuhüpfen. Ein ernüchterndes Chaos entsteht. Gestapelte Autoreifen, auf denen die beiden vorher noch lässig saßen, schmeißen sie mit halber Kraft um. Dann hüpfen sie wieder.

Später machen sie die Bühne frei für Matthias, Mitarbeiter der Fachzeitschrift „CILIP“. Als Gast des Tages soll er von seinem Archiv erzählen. Dafür hat er einen Tweet der Zeitschrift mitgebracht, der an die hintere Wand projiziert wird. Auf ihm sind Fotos von Dateikisten zu sehen. Die Bildunterschrift fragt die Follower*innenschaft, wo die Zeitschrift mit ihrem Archiv hinsoll – es fehlt an Platz. „I don’t know, I really don’t know“, antwortet er auf die Frage, wie es denn gerade um sein Archiv steht und ob es für die Öffentlichkeit einsehbar ist. Als er sich einen Aspekt aus seinem Tweet-Bild aussuchen und für Schultes nächsten Ausdruckstanz in drei Worte übersetzen soll, stellt die Sprachbarriere ein Problem dar. „Dateikiste“ lässt sich eben nicht so gut tanzen, „Hängeschrank“ noch weniger. Sie einigen sich auf die Wörter „structure“, „worker“ und „chaos“.

Interessant zu sehen, wie Schulte und Said zusammenarbeiten und ihre zwei Methoden miteinander agieren. Ihr Versuch, ihrem Abend mit verzerrten Stimmen, rotem Licht und umgeschmissenen Autoreifen einen Showfaktor hinzuzufügen, wirken allerdings eher hilflos. Schließlich bleibt „behind your eyeballs“ doch eher ein interessanter „Show-and-Tell“-Abend, statt futuristischer Show.